Reifengas

Aus Technikwiki R129
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Text: Klaus J. Eßer (G1/S19)

Soll ich, oder besser nicht mir mit Reifengas was blasen lassen?

Es wird wieder Zeit, sich über Reifendruck und -füllung Gedanken zu machen. Der R129 steht nun entweder länger rum oder wird für den Winter bereift. Beides ein Grund, bei Werkstatt oder Reifenhändler vorzusprechen und die Drücke in den Reifen zu kontrollieren oder anzupassen.

Ein für die Standzeit um 1,5 bis 2 bar erhöhter Druck vermeidet Standplatten und macht es viel leichter, das Auto "mal zu schieben". Der Druck in der Winterbereifung muss kontrolliert werden – dabei ist es schlau, für Eis- und Schneebetrieb den Druck um etwa 0,2 bar zu senken. Für eine lange Anfahrt des voll bepackten Autos in entfernte Skigebiete ist das wegen erhöhtem Rollwiderstand und der Wärmeentwicklung nicht empfehlenswert! Solche Gelegenheiten bringen die Profis leicht auf raffinierte Ideen, ihrer Kasse vermehrt Mittel zuzuführen. Völlig legal, aber nicht immer aufrichtig. Es beweist die große Phantasie dieser Burschen, wenn sie versuchen, aus Luft Geld zu machen.

Im Prinzip eine gute Idee, denn sie ist bei uns ja (noch?) kostenlos. O.k., man muss sie mit elektrischer Energie teuer verdichten, aber Druckluft braucht man sowieso… Natürlich wird sich kaum jemand entblöden, für den Service allein Geld zu verlangen, eher wird er der Versuchung erliegen, dem Kunden für sein (Liebhaber)Auto was Gutes anzubieten. Das natürlich gegen Bares.

Reifen mit ganz normaler Luft befüllt
Reifen mit ganz normaler Luft befüllt

So hatten gerissene Marketing-Experten schon vor einiger Zeit die Idee, den Reifen statt Luft Reifengas einzuflössen, und das mit einem farbigen Ventilkäppchen zu belohnen. Irgendwo hat man schließlich auch gehört oder eingeflüstert bekommen, dass die Schuhe von Flugzeugen und F1 Autos nicht mit ordinärer Luft, sondern mit Stickstoff gefüllt sind…, und Reifengas ist (hoffentlich) Stickstoff, weiter nix! Nun ist es aber so, dass Luft im Wesentlichen (zu 79%) auch aus Stickstoff besteht…, merkt der Leser was?

Das, was da letztlich im Reifen landet, besteht allenfalls aus Luft mit erhöhtem Stickstoffanteil (ca. 93% statt 79%), denn mehr bekommt man wirtschaftlich mit den üblichen Werkstattmitteln nicht rein. Reifengas ist meist keineswegs reiner Stickstoff, sondern was aus der Abteilung Glaube und Hoffnung. Reinen Stickstoff vor Ort zu erzeugen, ist nicht billig, und ihn in Stahlflaschen rumzufahren auch nicht!!! Weil es kaum kontrollierbar ist, nimmt man es aus verständlichen Gründen sowieso nicht sooo genau. Was soll das Ganze also?

Reiner Stickstoff hat unter ganz bestimmten Bedingungen tatsächlich Vorteile. Grundsätzlich ist bei kleinen Leckagen Stickstoff weniger kritisch, weil die größeren Moleküle sich durch etwaige Ritzen langsamer davon machen. Bei F1 Autos kann ein schleichender Plattfuß alles entscheiden, bei Flugzeugen gilt Ähnliches bei der Landung. Beide Betriebszustände kommen für unsere Autos nur höchst selten vor…!

Es gibt eine Reihe weiterer Aspekte, die für Autos absolut nicht von Bedeutung sind. Darunter fällt auch, dass die Diffusionsgeschwindigkeit von Stickstoff durch Gummi sogar höher als die von Sauerstoff ist, dem anderen Hauptbestandteil der Luft! Fazit: Luft ist also seit Erfindung des Pneus der richtige Stoff für unsere Reifen. Theoretische Vorteile einer Stickstoff-Füllung sind im Auto nicht praxisrelevant. Bunte Ventilkäppchen signalisieren eher schlaue Verkäufer denn besondere Sorgfalt oder Kennerschaft des Autoliebhabers.

Wer es genauer wissen will: https://de.wikipedia.org/wiki/Luft und hier https://de.wikipedia.org/wiki/Reifengas


Main Page