Das Märchen vom Warmlaufen lassen im Winter
Text: Klaus J. Eßer (G1/S18)
Soll ich, oder besser nicht an altehrwürdige Märchen glauben?
Im Prinzip ja – es hilft die Verrücktheiten der Welt zu ertragen, aber es gibt einige der ganz üblen Sorte, die man besser nicht glaubt.
Man denke nur an die Mär vom Klapperstorch und bedenke, was aus der Menschheit würde und welche Vergnügen uns entgingen. Passend zur kommenden Jahreszeit gibt es die unsägliche Mär vom Motor, den man in der Winterpause "immer wieder mal warmlaufen" lassen soll. Nicht auszurotten dieser Unfug, wohl weil alte Haudegen oder Opa es so gesagt haben…, aber schauen wir selber, was dabei passiert.
Entgegen den Be(Ver)schwörungen der Weltenretter produziert ein laufender Ottomotor erst mal nur viel Wasserdampf, dann noch mal Wasserdampf und erst dann die Substanzen, die die Welt angeblich zum kochen und/oder an den Abgrund bringen. Diese üblen Ausdünstungen will ich keineswegs schönreden, wie wir später noch sehen.
Im Kaltlauf, und da schmachtet ein leerlaufender Otto sehr, sehr, sehr lange vor sich hin, kondensiert der Wasserdampf sogleich wieder an den noch grabeskalten Innereien der Abgasanlage. Besonders der Vor- und Endschalldämpfer laufen bald randvoll. Das hat wohl jeder schon beobachtet, die üble Brühe dröppelt aus dem Auspuffrohr, und das sollte zu denken geben!
Weniger offensichtlich ist, was im Motor selber abgeht. So wie der Wasserdampf im kalten Auspuffgewürm zu Wasser wird, passiert Ähnliches mit dem mühsam vergasten (genauer: zerstäubten) Kraftstoff an den kalten Zylinder- und Brennraumwänden. Daher wird beim Kaltstart und im Warmlauf ein extra Schluck Kraftstoff gereicht, sonst bleibt der Otto einfach lustlos stehen.
Nein, den wieder verflüssigten Kraftstoff kann man nicht zurück in den Tank leiten, aber er wäscht den Ölfilm eifrig von der Zylinderwand und findet sich im Öl wieder. Dabei nimmt er neben wirklich fiesen Verbrennungsnebenprodukten auch noch Wasser mit und macht das schöne Motoröl schnell kaputt.
Weil genau das bei jedem(!) Kaltstart passiert, hat man dem Öl beigebracht, eine ganze Menge von dem Mist zu schlucken, bevor es kein richtiges Öl mehr ist. Dabei vertraut der Konstrukteur darauf, dass der verständige Automobilist sein Auto sogleich betriebswarm fährt, und wenn er alles richtig gemacht hat, steigt dabei die Öltemperatur bald (>15 km) so hoch, dass ein großer Teil der Sauerei wieder aus dem Öl verdunstet.
Diese schlauen Überlegungen funktionieren natürlich nicht im Leerlauf und auch nicht bei erhöhter Drehzahl ohne Last. Seit Erschaffung der Welt weiß man, dass in gut konstruierten Ottos der Verschleiß zu 95% im Kaltlauf entsteht. Warum, das hat der Leser nun verstanden…?
Wenn es Otto dann trotz fehlender Last leidlich wärmer wird, nimmt der Wasserdampf auch noch die würzigen Verbrennungsrückstände mit und tüncht die Eingeweide der Abgasanlage mit saurer Kotze. Wozu soll das gut sein?
Einen kalten Otto fährt man so schnell wie möglich unter Last warm (und macht sich dabei Gedanken über die Oeltemperatur, die der Wassertemperatur so um 15 km hinterherhinkt), und das ist es, basta!
Einen überwinternden Otto stellt man, mit frischem Öl gelabt, betriebswarm ab (dann ist die Abgasanlage trocken) und lässt ihn in Ruhe! Die Schauergeschichten von den aushärtenden Dichtringen der Klimakompressoren stimmt annähernd für die ollen York-Kawenzmänner, die neueren Sanden und Genossen in unseren Autos können mit Stillstand besser umgehen. Einen Tod muss jeder sterben…

Der Verfasser brachte es nicht über's Herz, einen R129 so jämmerlich müffelnd darzustellen ;-))