Defekte Wegfahrsperre - kleine Ursache, große Wirkung

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Text und Fotos: Herbert Jaborsky (CR21/S100)

Mein 500 SL Baujahr September 1989, gekauft Mai 2009, ist mit einer nachgerüsteten Wegfahrsperre ausgestattet. Es gibt zwei „Taststifte“ zum Deaktivieren der Wegfahrsperre, die wie kleine „Schweizer Messer“ aussehen.

Letztes Jahr, bei einer unserer Ausfahrten vom RT Ulm, zeigten sich plötzlich Probleme mit einem der Taststifte, der auf die Buchse im Fahrzeug gehalten werden muss, um den Motor zu starten. Manchmal funktionierte die Kommunikation zwischen Taststift und Buchse (rote LED im Taststift leuchtet auf), aber manchmal eben auch nicht und letztlich dann überhaupt nicht mehr. In Ermangelung des Zweitschlüssels, den ich nicht immer mit hatte, musste ich den Wagen einmal sogar stehen lassen und mit einem Kollegen nach Hause fahren, um ihn zu holen. Mit dem zweiten Taststift funktionierte die Kommunikation jedes Mal und der Motor konnte immer gestartet werden. Erste Fehleranalyse: Taststift defekt, daher reparieren lassen.

Unterlagen über die eingebaute Wegfahrsperre habe ich vom Vorbesitzer keine erhalten. Nach Recherchen beim Mercedeshändler, von dem das Fahrzeug ausgeliefert wurde, und im Internet, habe ich herausgefunden, dass zum Zeitpunkt der Auslieferung Wegfahrsperren von Gemini und GEMEL verbaut wurden und es sich bei meiner eingebauten Wegfahrsperre um ein Modell von GEMEL handeln könnte. Siehe Bild 1.

Bild 1 Taststift Wegfahrsperre


Des Weiteren fand ich heraus, dass in diesem Taststift keine Batterie verbaut ist. Damit schied der erhoffte Fehler einer leeren Batterie schon mal aus.

Da ich die Funktion dieser Wegfahrsperre aber ungern deaktivieren wollte – ist sie doch ein nicht zu vernachlässigender Schutz vor Diebstahl – machte ich mich auf das Problem zu lösen, indem ich einen Beitrag ins internationale R129 Forum stellte und weitere Recherchen im Internet durchführte.

Per E-Mail nahm ich Kontakt zu einem Vertriebspartner von Gemini auf (gefunden im Internet). Dieser versicherte mir in seiner Antwortmail, dass es sich bei meiner Wegfahrsperre um ein Model der Firma GEMEL handelt und dass es keinen Vertriebspartner mehr in Deutschland gäbe, zeigte mir aber einen Link zur Firma GEMEL (Metasystem) in Italien auf. Daraufhin nahm ich Kontakt mit der Firma GEMEL in Italien auf und fragte nach Reparaturmöglichkeiten, Schaltplänen, Beschreibungen, Ersatztaststift. Nach mehreren E-Mails erhielt ich die Antwort, dass sie mir einen Ersatzstift herstellen könnten, wenn ich ihnen den Code des Stiftes nennen könnte, aber keine Dokumentation liefern würden. Da ich wie bereits erwähnt keine Unterlagen zur Wegfahrsperre erhalten hatte und damit auch keinen Code habe, war dieser Lösungsweg ohne Erfolg.

Mein zweiter Lösungsansatz mit dem Forum führte mich, nach zunächst einigen fehlleitenden Infos, zu Bernd Dammann, Technik Referent vom S-Klasse Club in Bremen. Er antwortete mir wie selbstverständlich, dass es sich bei meiner Wegfahrsperre um ein System von GEMEL handelt mit der Typbezeichnung "Serpistar MK125", die die Mercedes Artikelnummer B6 654 8199 habe, und dass er mit Sicherheit Unterlagen dazu hätte, welche er mir dann auch zusandte. Vielen Dank an dieser Stelle. Da diese Unterlagen „leider“ nur das im Fahrzeug verbaute Steuergerät (Decoder) beschreiben und ich inzwischen meinen SL für den wohlverdienten Winterschlaf in einer entfernten Garage geparkt hatte, musste ich eine Zwangspause bei der weiteren Fehlersuche einlegen. Die Typbezeichnung "Serpistar MK125" wurde mir in der Zwischenzeit auch vom Mercedeshändler bestätigt.

Aber es ließ mir keine Ruhe mit dem nicht funktionierenden Taststift. Ich wollte schließlich die Funktion der Wegfahrsperre erhalten, entgegen der Alternativ-Vorschläge, die mich erreichten, sie ausbauen zu lassen, da sie sowieso nicht mehr gefordert sei.

So entschied ich mich diesen „eh“ defekten Taststift zu öffnen, um etwas aus seinem Innenleben zu erfahren. Da das Gehäuse verklebt war, nahm ich eine Laubsäge und ein scharfes Messer und öffnete das Gehäuse vorsichtig an einer Klebenaht. Und tatsächlich konnte ich die kleine Platine mit den elektronischen Bauteilen aus dem Gehäuse heraus operieren, ohne sie zu beschädigen. Es gab nicht viel zu sehen: Ein Integrierter Schaltkreis (Encoder) und darum die Anordnung von zwei Widerständen, zwei Kondensatoren, zwei Dioden und ein mit Feder bestückter Mittelkontakt. Tatsächlich keine Batterie. Siehe Bild 2.

Bild 2 geöffneter Taststift


Im Internet fand ich ein Datenblatt des Integrierten Schaltkreises und eine typische Anwendungsschaltung, die die vorgefundenen Bauteile bestätigten. Ich lötete einige Lötpunkte nach und brachte zwei Testpunkte an. Mit einem 12V Netzteil simulierte ich die Buchse im Auto. Jeder Test, den ich durchführte bestätigte, dass die Elektronik in Ordnung zu sein schien, denn jedes Mal leuchtete die rote LED auf und zeigte damit an, dass der programmierte Code abgesendet wird. Ich hoffte, dass durch die Löterei eine eventuelle kalte Lötstelle behoben wurde, der Taststift wieder funktionierte und baute den Taststift provisorisch wieder zusammen.

Nachdem ich meinen SL im April mit dem „guten“ Taststift wieder aus dem Winterschlaf erweckt hatte, machte ich auch einen Startversuch mit dem provisorisch zusammengebauten „reparierten“ Taststift. Siehe da: er funktionierte – aber leider nur einmal! Ich begann wieder zu rätseln. Wo liegt dieser verdammte Fehler? Noch mal getestet mit dem Netzteil und jedes Mal leuchtete die rote LED auf und zeigte an, dass der programmierte Code abgesendet wird.

Dann, beim direkten mechanischen Vergleich per Auge des guten Taststiftes mit dem provisorisch reparierten, stellte ich fest, dass der Mittelkontakt des defekten Taststiftes ein klein wenig, kaum merkbar, kürzer war. Beim Nachmessen mit einem Lineal wurde dies bestätigt. Ich öffnete den Taststift wieder, schaute mir die Feder des Mittelkontaktes an, säuberte den Weg der Feder, verlängerte vorsorglich den Mittelkontakt außen durch Auflöten und baute den Taststift wieder zusammen. Beim anschließenden Test im Fahrzeug funktionierte der Taststift wieder bei jedem Versuch – und seitdem immer wieder!

Anscheinend war die Federkraft nicht mehr ausreichend, um den Mittelkontakt des Taststiftes ausreichend vorzuspannen. Die drohende Alternative, die Wegfahrsperre komplett ausbauen zu lassen, werde ich jetzt nicht weiter verfolgen.

Kleine Ursache – große Wirkung.


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