Der SL im Winterschlaf
von Bernd Börsch
Die meisten Mitglieder des Mercedes-Benz R129 SL-Club
e.V. fahren ihre Fahrzeuge nicht das ganze Jahr hindurch.
Vielfach werden gleich bei der Anmeldung Saisonkennzeichen
beantragt, so daß eine Überwinterung in der Garage oder
Scheune oder an anderen Unterstellplätzen notwendig wird.
Um eine schadenfreie Aufbewahrung während der Wintermonate sicherzustellen, sind einige wichtige Punkte zu beachten. Reparaturen, die - durch Standschäden verursacht – nach einer Überwinterung erforderlich sind, können sehr teuer werden und somit den Geldbeutel erheblich belasten. Nachfolgend sollen die wichtigsten Tipps aufgeführt und unterschiedliche Alternativen zur sachgerechten Einlagerung des Fahrzeugs angeboten werden: Die Karosserie: Die Karosserie des R129 wird bereits bei der Produktion mit Hohlraumkonservierung versehen und durch eine geschlossene Lackschicht vor Korrosion geschützt. Dennoch kann bei der Einlagerung durch Feuchtigkeit schnell Rost entstehen. Deshalb ist besonders wichtig, daß das Fahrzeug nicht kurz vorher gewaschen oder im Regen bewegt wurde. Also, lieber schmutzig als feucht einlagern!
Die Außenhaut läßt sich sehr leicht durch darübergelegte Bettlaken
oder eine spezielle Autohülle vor Verschmutzung schützen.
Beim Überziehen ist jedoch Vorsicht geboten. Die speziellen
KFZ-Schutzhüllen hinterlassen oft Stoffasern auf dem
Verdeck, welche nachher sehr schwer zu entfernen sind. Um
dies von vornherein zu vermeiden, kann das Verdeck zusätzlich
durch eine Halbgarage aus fusselfreiem Material (Vinyl-
Abdeckungen enthalten für die Verdeckscheiben schädliche
Weichmacher) oder eine Lage Abdeck-Papier geschützt werden.
Sofern der Lack bei Einlagerung verschmutzt ist, sollte
unbedingt beim Abdecken darauf geachtet werden, daß keine
Kratzer im Lack entstehen. Wichtig ist ebenfalls, daß sich
das Abdeckmaterial luftdurchlässig verhält um nicht Gefahr
zu laufen, daß kondensierende Feuchtigkeit unter der Abdekkung
Korrosion verursacht.
Allgemein ist darauf zu achten, daß der Stellplatz gut belüftet ist und keine schnellen Temperaturwechsel auftreten. Hierdurch läßt sich Kondensatbildung wirksam vermeiden. Ungünstig ist ein Schlafplatz neben dem täglich nassen Alltagsgefährt. Das Dach: Das Softtop ist ein wunder Punkt bei der Überwinterung des R129. Eine Überwinterung des Softtops im Verdeckkasten ist weder für die Lebensdauer der Verdeckscheiben, noch für das Aussehen des Verdeckstoffes förderlich. Das Softtop sollte möglichst aufgespannt sein, um Schäden zu vermeiden. Allerdings gibt es hierbei Einschränkungen. Ganz besonders wichtig für die nachfolgenden Überlegungen ist, daß das Verdeck auf keinen Fall bei Temperaturen unter 10°C bewegt werden soll. Die Gefahr, daß dabei Risse in den Verdeckscheiben zurückbleiben, ist enorm groß. Sofern geplant ist in den Wintermonaten am Fahrzeug zu arbeiten, z.B. Lackbearbeitung, stört ein geschlossenes Softtop. Bevor dieses dann bei tiefen Temperaturen bewegt wird, sollte es lieber von vornherein geöffnet bleiben. Entsprechendes gilt, wenn Fahrten im Winter mit Hardtop vorgesehen sind. Wird das Hardtop montiert, muß das Softtop zwangsweise im Verdeckkasten verstaut sein. Auch hier sollte dies dann vor Wintereinbruch erledigt werden. Sofern tatsächlich eine Überwinterung im Stand erfolgt, ist die bessere Lösung das Verdeck zu schließen und in gespanntem Zustand über den Winter zu bringen.
Das Interieur: Auch das Interieur des Wagens sollte nicht außer Acht gelassen werden. Vor dem Abstellen ist außer dem Aussaugen auch eine ordentliche Reinigung Pfl icht. Leder setzt sehr schnell unschönen Pilzbefall an, wenn es nicht genügend belüftet wird. Auch der Teppich dankt dem Eigner eine gute Belüftung mit einem weiterhin neutralen Geruch. Deshalb sollte mindestens ein Fallfenster (Seitenfenster) etwas geöffnet und der Kofferraumdeckel nur angelehnt werden. Hierbei darf nicht vergessen werden, die Kofferraumleuchte am dafür vorgesehenen Schalter im Kofferaumschloß auszuschalten. Die zusätzliche Verwendung eines Mittels, welches Feuchtigkeit absorbieren kann, kann auch nicht schaden. Hierfür gibt es Trockenmittelpatronen im Fachhandel, die diese Aufgabe gut, allerdings auch besonders teuer, erledigen. Eine Schale (oder ein Sack) mit trockenem Reis, Salz oder Trockengel (bei Überseespeditionen erhältlich), welche ins Fahrzeuginnere gestellt wird, ist eine preisgünstige Alternative.
Die Klimaanlage: Die Klimaanlage bedarf keiner besonderen
Berücksichtigung. Lediglich eine ausgiebige Fahrt, ca. 30 km,
bei ausgeschalteter Klimaanlage verhindert Kondensat im
Wärmetauscher und den Lüftungskanälen.
Das Fahrwerk: Insbesondere die Reifen des R129 werden bei längerer Standzeit extrem belastet. Der Gripp des Autoreifens beruht darauf, daß der Reifen durch das Fahrzeuggewicht an der Berührungsstelle zur Straße gestaucht wird. Dadurch entsteht eine fl ächige Aufl age. Während der Drehbewegung wird das Gummi des Reifens und der darin enthaltene Texitilverbund der Flanken ständig gewalgt. Bei längerer Standzeit auf ein und der selben Stelle kann es vorkommen, daß das Elastomer der Lauffl äche und der Textilkörper der Flanken die gestauchte Form beibehält. Man nent dies eine Standplatte.
Das Risiko wird weiter vergrößert, wenn der Reifen „heiß“ abgestellt
wird. Eine Standplatte führt zu einem unrunden Lauf,
so daß in der Folge Schäden an Fahrgestell und Karosserie auftreten
können. Außerdem kann der Reifen während der Fahrt
nachgeben und zerbersten. Ein geplatzter Reifen, besonders
hinten, ist lebensgefährlich!
Um Standplatten zu vermeiden, gibt es mehrere Lösungsansätze. Die
beste Methode ist, vor dem Abstellen des Wagens über mehrere Monate
die Räder durch „Standräder“ zu ersetzen. Hierfür eignet sich
praktisch jedes Rad mit passendem Lochkreis und alten Reifen.
Eine andere Lösung besteht darin, die Stauchung des Reifens
möglichst klein zu halten, indem der Luftdruck erhöht wird
– z.B. Aufpumpen auf mind. 4 bar Luftdruck. In Verbindung
damit kann durch Unterlegen der Räder mit einer dicken Lage
Baustyropor die Aufl agefl äche des Reifens unter Beibehaltung
der runden Form unterstützt werden.
Die schlechteste Lösung ist das Aufbocken. Hierbei besteht die
Gefahr, das Fahrwerk nachhaltig zu beschädigen. Insbesondere
Fahrzeuge mit ADS sind besonders anfällig. Wenn dennoch
aufgebockt werden soll, empfi ehlt sich die Verwendung von
kleinen, im Fachhandel erhältlichen Stützen, die möglichst
weit außen unter die Achsen zu stellen sind. Die Stoßdämpfer
werden dann weiterhin mit dem Fahrzeuggewicht belastet
und die Gummielemnte der Radaufhängung werden geschont,
während gleichzeitig die Räder in der Luft hängen und keine
Standplatten enstehen.
Der Auspuff: Im Auspuff befi ndliche Feuchtigkeit kann in Verbindung
mit Sauerstoff sehr schnell Korrosionsschäden an der Auspuffanlage
verursachen. Zur Vorbeugung sollte das/die Endrohr/Endrohre
durch einen mit Öl getränkten Lappen verstopft werden.
Die Gummiteile: Die Gummiteile werden sorgfältig gereinigt
und mit Talkum oder Glyzerin gepfl egt. Dabei sollten auch
nicht die Wischerblätter vergessen werden, die es zudem gerne
mögen, wenn sie entlastet werden.
Der Motor: Wer auch seinem Motor etwas Gutes tun möchte, kann durch die Zündkerzenlöcher ein wenig dünnfl üssiges Öl in den Brennraum sprühen. Hierdurch werden die Zylinderwände benetzt und möglicher Korrosion vorgebeugt. Die Zündkerzen sind nach dieser Aktion wieder einzuschrauben. Vorsicht: Zündkerzen immer nur bei kaltem Motor einschrauben!
Das Lebenselexier: Die Einsatzbereitschaft des R129 steht und
fällt mit den Flüssigkeiten in seinen Lebensadern. Bei einer
Überwinterung stehen auch hierzu einige Überlegungen an.
Der Kraftstoff enthält immer neben den üblichen Additiven
auch Wasser. Wasser greift in Verbindung mit Sauerstoff den
Tank, die Kraftstoffl eitungen, die Kraftstoffpumpe und die
Einspritzanlage an. Um einer Bildung von Rost durch kondensierendes
Wasser im Tank vorzubeugen, sollte dieser vor dem
Abstellen immer randvoll gefüllt werden.
Hydraulikflüssigkeit ist hygroskopisch, d.h. sie nimmt Wasser
aus ihrer Umgebung auf. Insbesondere bei der Bremsanlage ist
dies mit besonderen Gefahren verbunden. Befindet sich Wasser in der Bremsanlage, so wird es durch den Bremsvorgang und
die damit verbundene starke Hitzeentwicklung zum Kochen
gebracht. Es entsteht Wasserdampf. Gasblasen im Hydrauliksystem
der Bremse sind komprimierbar, so daß die Bremswirkung
sehr stark nachläßt oder die Bremse komplett ausfällt.
Öle bilden durch ihre starke Beanspruchung im Motor Säuren. Nur bei sehr langen Standzeiten empfi ehlt sich deshalb ein außerplanmäßiger Motorölwechsel. Scheibenwaschfl üssigkeit vom Sommer wird in einer beheizten Garage durch reines Wasser ersetzt, um Ausfl ockungen zu verhindern. Bei Frost wird das Waschwasser abgelassen oder besser durch eine Wintermischung ersetzt. In einer unbeheizten Garage empfi ehlt sich auch eine Überprüfung des Kühlmittels auf seine Frosttauglichkeit. Elektrische Anlage: Die elektrische Anlage ist vollständig wintertauglich. Eine Ausnahme bildet hier lediglich der Blei- Akkumulator – auch Batterie genannt. Die Batterie leidet bei kalten Temperaturen unter einem erheblichen Leistungsverlust, der sich jedoch bei Nichtnutzung des Fahrzeuges nicht auswirkt. Schlimmer ist, daß durch Selbstentladung und eine Entladung durch die angeschlossene Fahrzeugelektronik die Batterie nachhaltig geschädigt werden kann, wenn dadurch eine Tiefentladung ihrer Zellen entsteht. Um dem vorzubeugen erscheint es sinnvoll, die Batterie während der Wintermonate vom Bordnetz des Fahrzeuges zu trennen und in einer warmen Umgebung aufzubewahren.
Sofern eine Hausgarage mit Netzsteckdose vorhanden ist, gibt es eine sinnvolle Alternative. Bei der Wiederinbetriebnahme werden Fehlercodes in den Steuergeräten generiert, die in einigen Fällen auch eine Fehlfunktion derselben bewirken (z.B. Verdecksteuerung). Aus diesem Grund ist es also sinnvoll die Batterie in angeschlossenem Zustand im Fahrzeug zu belassen. Wie aber dann eine Zerstörung durch Tiefstentladung vermeiden? Ganz einfach, im KFZ Fachhandel gibt es Batterieerhaltungslader, die es gestatten die Batterie aufzuladen, ohne die angeschlossene Elektronik zu gefährden. Diese werden einfach über Polklemmen oder mittels Bordsteckdose mit der Batterie verbunden und per Netzstecker an das Stromnetz angeschlossen. Vorteilhaft ist zudem, daß die Batterie immer gut geladen ist und alle elektrischen Verbraucher auch im Winter einsatzbereit bleiben (Arbeiten am Fahrzeug). Bei Wiederinbetriebnahme entfallen Arbeiten zur Justierung der Seitenscheiben, Neueingabe Radiocode oder das Anlernen der Radsensoren.
Schlußwort: Alle vor genannten Ausführungen sind eine Zusammenstellung
möglicher Maßnahmen. Einige davon beruhen
auf der eigenen Meinung oder Erfahrungen des Autors.
Selbstverständlich kann von alle dem auch nichts gemacht
werden. Auch vor dem Winter einfach abgestellte Fahrzeuge
sind im Frühjahr häufi g ohne besondere Maßnahmen wieder
in Betrieb zu setzen.
Besonderer Dank gilt Karl Kübler, Jürgen Collin und Klaus J. Eßer (Vizepräsident Technikkoordination Mercedes-Benz R107 SL-Club e.V.) für die fachliche Unterstützung bei der Erstellung dieser Dokumentation.